<h3>Theologe plädierte bei Bodensee-Konferenz für ein neues Verständnis des Sündenbegriffs</h3>
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<p>Meersburg (epdÖ) – „Darf man als Pfarrer:in der Gemeinde noch von Sünde predigen?“ Dieser Frage stellte sich der evangelische Theologe Thorsten Dietz, Privatdozent an der Universität Marburg, bei der 73. Internationalen Theologischen Bodensee-Konferenz (IThBK) am Freitag, 27. Februar, im Evangelischen Gemeindezentrum in Meersburg.</p>
<p>„Das Vokabel ‚Sünde‘ macht klein, man fühlt sich wie ein Zwerg und schmutzig, das Wort erniedrigt und beschämt, es lässt einen schuldig, ohnmächtig fühlen“, sagte Dietz in seinem Vortrag unter dem Titel „Sünde predigen – relevant oder riskant?“. Im alltäglichen Sprachgebrauch werde das Wort „Sünde“ nicht für „Trennung von Gott“, sondern für „Bagatelle“ verwendet, etwa im Zusammenhang mit dem Wort „Verkehrssünde“. Hingegen spreche man im Fall eines Delikts mit der Folge einer Gefängnisstrafe nicht mehr von Sünde. „Da wird etwas verkleinert, verharmlost, damit man es ertragen kann“, betonte Dietz.</p>
<p>Lange Zeit sei der erhobene Moralfinger das Markenzeichen kirchlicher Verkündigung gewesen, mit der Festlegung durch Geistliche, was sündhaft und was moralisch richtig war. Heute haben die Kirchen diese Rolle weitgehend verloren. Zugleich werde in der heutigen Zeit „moralisch übertriebenen, selbstgerechten Instanzen und Moralaposteln“ vorgeworfen, dass sie den Menschen Sünde „einreden“ wollen.</p>
<p>Anhand moderner Filme und Serien – von „Der Herr der Ringe“ und „Matrix“ über „Star Wars“ bis „Breaking Bad“ – stellte Dietz dar, wie tief die Fragen nach Schuld und Erlösung sowie nach Gut und Böse in unserer Kultur weiterwirken. Allerdings sollen dem Theologen zufolge die Begriffe „Sünde“ und „Schuld“ nicht als moralische Drohgebärde, sondern als ehrliche Beschreibung menschlicher Wirklichkeit beibehalten werden. Handlungen, Lügen, Beziehungsstörungen und der Umgang mit Macht wie auch Verführung könne jeweils Sünde sein. Der Begriff der „Sünde“ müsse demnach neu verstanden und auf eine neue Art und Weise erzählt werden.</p>
<p>Im zweiten Teil der Tagung bot Jörn Dege, Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, aus seiner Erfahrung mit literarischem Schreiben in einem Workshop („Predigtwerkstatt“) die Möglichkeit an, eine Predigt für den Karfreitag vorzubereiten. Nach der Tagung waren die Teilnehmer:innen zu einem Besuch ins Vineum Meersburg mit einem „sündigen Genuss“ eingeladen.</p>
<p>Sowohl evangelische Pfarrer:innen und Theolog:innen, die in der Umgebung des Bodensees in Österreich, Deutschland und der Schweiz wirken, sowie seit der Corona-Krise auch digital zugeschaltete Gäste waren bei der IThBK eingeladen, jeweils ein Referat über ein aktuelles Thema aus Theologie und Gesellschaft anzuhören und miteinander zu diskutieren. Die Internationale Theologische Bodensee-Konferenz, deren Vorstand u.a. der Bregenzer Pfarrer und Landessuperintendent Ralf Stoffers angehört, versteht sich als eine Plattform der Begegnung und Fortbildung für Pfarrer:innen, Religionspädagog:innen, haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen in Kirche und Gemeinde sowie weitere Interessierte.</p>