Moser: Vorurteile, Unverständnis und Versorgungslücken überwinden
Wien (epdÖ) – „Vorurteile gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum halten sich hartnäckig. Sie führen zu groben Mängeln bei der Diagnostik und schränken Chancen und Lebensqualität von Autist:innen massiv ein“, sagte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser anlässlich des Welt-Autismus-Tages am 2. April bei einem Pressegespräch der Diakonie im Albert Schweitzer Haus in Wien. Diagnosestellen seien überlaufen, man warte Monate lang auf einen Termin, und auf einen Therapieplatz müssten Kinder bis zu zwei Jahre warten. „Auch Wartezeiten auf Kindergarten- oder Wohnplatz betragen viele Monate bis Jahre. Die Engpässe setzen sich in der Schule und am Arbeitsmarkt fort. Das muss ein Weckruf sein“, mahnte Moser, die eine nationale Autismus-Strategie nach internationalem Vorbild fordert.
Kritik an Begutachtungsverfahren
Felix Zych vom Verein „im spektrum – Verein zur Sensibilisierung für das Autismus-Spektrum“ berichtete beim Pressegespräch von seinen Erfahrungen mit Behörden und Diagnosen: „Mir wurde die erhöhte Familienbeihilfe immer genehmigt bis vor ein bis zwei Jahren. Dann hieß es plötzlich, ich bräuchte Nachweise, dass ich aktuell in Therapie bin, oder einen aktuellen fachärztlichen Befund, dass ich noch immer autistisch sei. Das ist schon sehr befremdlich, wo doch jeder weiß, dass Autismus nicht weggeht“, so Zych, der seine Autismusdiagnose mit elf Jahren bekam und heute Student ist.
Autismus hat sehr unterschiedliche Ausprägungen, man spricht vom Autismus-Spektrum. Rund ein Prozent der Menschen sind im Autismus-Spektrum, in Österreich rund 87.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Umgang mit ihnen gebe es laufend falsche Zuschreibungen und wenig Wissen, berichtet Zych, der mit dem Verein „im spektrum“ bei verschiedenen Veranstaltungen über Autismus informiert.
Moser hob dabei eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich zum behördlichen Begutachtungsverfahren – die Basis für die Zuerkennung von Sozialleistungen – hervor. Die Studie zeige Moser zufolge „fachliche Inkompetenzen, respektlosen Umgang und Unterstellungen“ auf. Die Diakonie bekräftigt demnach die Forderung nach einer unabhängigen Begutachtungsstelle. Gutachter:innen müssten zudem umgehend geschult werden, so die Diakonie-Direktorin, „sowohl zu aktuellem Fachwissen insbesondere zu Autismus als auch zu einer respektvollen, zugewandten Kommunikation“.
Auch Linda Zehetner benötigt ausreichend Ruhe und Struktur. Die Frau im Autismus-Spektrum, die nicht verbal kommuniziert, arbeitet in der Tageswerkstätte Erle der Diakonie in Gallneukirchen. „Linda ist sehr gern aktiv und versieht gerne auch körperlich anstrengende Tätigkeiten am Areal unserer Einrichtung Erle, wie z.B. das Füttern der Tiere im Streichelzoo“, berichtet ihr Betreuer Roland Atzlesberger. Wichtig für Linda Zehetner sei, dass Spannung und Entspannung in einem guten Gleichgewicht sind, darauf achte er als Betreuer.
Das mangelnde Verständnis führe „zu mangelnder Unterstützung – Stichwort Therapielücken – und struktureller Ausgrenzung im Bildungsbereich und am Arbeitsmarkt“, kritisierte Moser. „Autistische Kinder bekommen oft erst im letzten verpflichtenden Kindergartenjahr einen Kindergartenplatz oder werden sogar von dieser Pflicht ´befreit´ und kommen erstmals in der Volksschule mit einer Bildungseinrichtung in Berührung“, betonte Moser. Dort gebe es dann zu wenig Schulassistenz, die Vergabepraxis von Fördermitteln sei von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. „Der Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Schüler:innen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf muss endlich kommen“, sagte die Diakonie-Direktorin.
Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen
“Um sich nicht in unkoordinierten Einzelmaßnahmen und im föderalistischen Ping-Pong zwischen Bund und Ländern zu verlieren, braucht es eine „nationale Strategie für ein autismus-gerechtes Zusammenleben“, fordert Moser. Ziel müsse sein, „dass autistische Menschen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können – sozial, wirtschaftlich, gesundheitlich“. Die nationale Strategie müsse „sicherstellen, dass Wissen über Autismus und eine respektvolle Haltung in Bevölkerung, Institutionen und sozialstaatlichen Systemen ankommt, und einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen, die mit einem Zeitrahmen und Zuständigkeiten hinterlegt sind, beinhalten“, unterstrich Moser. Vorbilder gebe es genug. In vielen Ländern gibt es eine Autismus-Strategie: England, Irland, Frankreich, Spanien, Malta, Polen, Kanada, USA, Australien.
Angebote der Diakonie
Die Person und ihre individuellen Bedürfnisse stellt die Diakonie bei ihren Angeboten für Menschen im Autismus-Spektrum – vom Kindergarten über Schule, Wohnen und Arbeit/integrative Beschäftigung bis hin zu Beratung, Frühförderung und Therapie – ins Zentrum. Ziel ist eine hohe Lebensqualität und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Im Hof Altenberg der Diakonie im oberösterreichischen Mühlviertel etwa wohnen Menschen im Autismus-Spektrum abseits dichter Bebauung und fern vom Verkehrslärm. Die naturnahe Umgebung schafft Raum für Rückzug und Bewegungsbedürfnis. Den Alltag strukturieren klare Abläufe, die Betreuung ist intensiv.
Für Autist:innen, die punktuell Begleitung brauchen, bietet die Diakonie so genanntes Stützpunktwohnen: eine eigene Mietwohnung und gleich nebenan eine gemeinschaftliche Wohnung, wo täglich für einige Stunden jemand aus dem Fachteam anzutreffen ist. Diese Wohnform stellt eine Verbindung zwischen Eigenständigkeit und Unterstützung, Rückzugsmöglichkeit und Gemeinschaft dar.