<h3>Im NEWS-Interview spricht die Bischöfin über die Spaltung der Gesellschaft, die Rolle der Kirchen und aktuelle Herausforderungen</h3>
<p><span id="more-214071"></span></p>
<p>Wien (epdÖ) – In einem großen Interview in der aktuellen Ausgabe des Magazins „NEWS“ spricht Cornelia Richter über den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die historische Rolle der Kirchen als „Erfolgsgeschichte“, aber auch über Ängste im Hinblick auf Klimawandel und Künstliche Intelligenz.</p>
<p>Was eint uns heute noch? „Ich glaube, alle Menschen möchten ein gutes, ruhiges, harmonisches Leben führen“, sagt die Bischöfin im Gespräch mit Renate Kromp. Die meisten Menschen hätten das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen und einem vertrauten Umfeld, in dem man sich sicher fühle. Für alle jene, die in der Kirche sind, funktioniere die „Herstellung von Einheit nach wie vor“, ist Richter überzeugt. Denn dort kämen unterschiedlichste Menschen zusammen, „weil sie sich im Geistlichen oder der Frage nach Gott, Christus und was im Leben trägt, verbunden wissen“. „In lebendigen Kirchengemeinden sind Menschen nicht einsam“, unterstreicht die Bischöfin.</p>
<p>Dass seit einigen Jahren die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Kirche schwinde, habe mit demografischen und historischen Entwicklungen zu tun. Heute hätten junge Menschen ein viel größeres Angebot, „dadurch haben die Kirchen ihre kulturelle Monopolstellung verloren“. Mit Blick auf die Geschichte betont die Bischöfin, dass die Kirche über Jahrhunderte „der einzige kulturelle und sinnstiftende Player“ gewesen sei. Die Kirche als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens sei auch statusübergreifend gewesen, erinnert dabei Richter.</p>
<h3>Frühchristliche Witwen- und Waisenfürsorge als Vorreiter des Sozialwesens</h3>
<p>Was die Bedeutung der Kirche und des Christentums in der Geschichte betrifft, verweist Richter im NEWS-Interview auch auf Klöster, das Sozial- und Bildungswesen. Klöster seien auch „riesige Wirtschaftsbetriebe“ und – vor den heutigen Universitäten – „die ersten Orte der Wissenschaft“ gewesen. Auch das Sozialwesen gehe auf die frühchristliche Witwen- und Waisenfürsorge zurück, „die für alle da war und nicht nur für Mitglieder der eigenen Bevölkerungsgruppe“, so die Bischöfin. Und sie verweist auf die Bibelstelle „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Nicht zuletzt habe das Bildungswesen christliche Wurzeln, ergänzt Richter, immerhin seien Schulen „ebenfalls aus den Klöstern“ gekommen.</p>
<p>All dieses Wirken sei später selbstständig geworden und in die Welt hinausgegangen, erklärt Richter, und diese „gesellschaftliche Ausdifferenzierung“ lasse die Kirchen kleiner zurück. Allerdings: „Ich verstehe nicht, dass man das immer als Verlustgeschichte beschreibt“, gibt die Bischöfin zu Bedenken. „Man könnte es auch als Erfolgsgeschichte sehen. Das alles war so gut, dass es die anderen auch wollten.“</p>
<h3>Als kultureller Monopolplayer „die Transformation verschlafen“</h3>
<p>„Der größte Fehler war, dass sich die Kirchen sehr konservativ gegen die Aufklärung gestellt haben, sodass Menschen- und Freiheitsrechte plötzlich im Widerspruch zur Kirche standen, obwohl sie wesentlich durch das Christentum geprägt wurden“, bemerkt Richter. Zudem hätten sich die Kirchen „in ihre Mauern zurückgezogen und gedacht, sie sind als kultureller ‚Monopolplayer‘ quasi immer gesetzt“. „Sie haben die Transformation verschlafen“, konstatiert die Bischöfin.</p>
<p>Bei all dem dürfe man nicht übersehen, dass die Römisch-katholische Kirche als Weltkirche in Lateinamerika und Asien mit den Befreiungstheologien wachse. Daher müsse sich auch niemand „Sorgen um das Christentum machen“, versichert Richter. Die urchristliche Botschaft „Du bist wichtig, du bist ein freier Mensch“ habe „wirklich Sprengkraft“. Nicht umsonst fürchteten sich Machthaber bis heute vor dem Christentum.</p>
<h3>KI: „Katastrophale Verschleifung von fact und fiction“</h3>
<p>Angesprochen auf die Ängste vieler Menschen im Hinblick auf den Klimawandel meint Richter, es sei „eine große Tragik des Christentums“, dass der Satz „Macht euch die Erde untertan“ über Jahrhunderte in Sinne der Ausbeutung verstanden wurde. Andererseits hätten die Kirchen in den 1970er-Jahren nach den alarmierenden Berichten des Club of Rome dies als Fehlinterpretation erkannt und „haben mit als Erste die Umweltbewegung in Gang gesetzt“, ruft die Bischöfin in Erinnerung. Aufgeben sei angesichts der dramatischen Situation beim Klimawandel „keine Alternative“, denn „ich traue der Menschheit auch ziemlich viel zu“.</p>
<p>Zum Thema Künstliche Intelligenz räumt Richter ein, dass diese ihr „richtig Sorgen“ mache, weil sie nicht zu den Menschen gehöre, die KI einschätzen könnten. Es gäbe viele Bereiche, wo sie Vorteile bringe, etwa in der Medizin, aber: „Die Verwirrung der Gesellschaft und die Verschleifung von ‚fact‘ und ‚fiction‘ halte ich für katastrophal.“</p>
<div class="infobox"><p>
<p>Das NEWS-Interview im vollen Wortlaut <a href="https://www.news.at/menschen/cornelia-richter-bischoefin-interview-2026… Sie hier</a>.<br />
</p></div>