Positiver Umgang mit religiöser Vielfalt alternativlos

Wien: Internationale interreligiöse Konferenz beleuchtete staatlichen Umgang mit Religionsgemeinschaften

Wien (epdÖ) – Damit religiöse Vielfalt in Gesellschaften ihr positives Potenzial entfalten kann, braucht es entsprechende rechtliche und strukturelle Rahmenbedingungen. Denn zu einem positiven Umgang mit religiöser Vielfalt gibt es in der Welt von heute keine Alternative. Dieses Fazit zogen Expertinnen und Experten bei einer internationalen und interreligiösen Tagung am Mittwoch, 29. April, an der Universität Wien. Die Konferenz war eingebettet in den bilateralen interkulturellen und interreligiösen Dialog Österreichs mit Indonesien, der in den vergangenen Tagen in Graz stattfand.

Bischöfin Richter: Einzigartiges ökumenisches und interreligiöses Verständnis

Zu Beginn stellten Kirchen- und Religionsvertreter die österreichische Situation dar. Die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter zeigte sich dabei „beeindruckt und dankbar für das außerordentlich gute ökumenische und interreligiöse Verständnis in Österreich, das in Europa wohl einzigartig ist, vielleicht sogar weltweit“. Gerade in Zeiten globaler Konflikte sei man auf gegenseitiges Verständnis und die gemeinsame Kraft angewiesen, „unsere Gemeinschaften zu einem friedlichen Zusammenleben zu führen“, so Richter.

Religiöse Gemeinschaften „dürfen niemals übersehen werden“, meinte Richter, denn sie seien von mindestens vier Aspekten geprägt: Erstens lebten religiöse Menschen nach Überzeugungen, die transzendente Vorstellungen beinhalten und über empirische Beweise hinausreichten. Zweitens würden sie oft von starken Emotionen und Zugehörigkeitsgefühlen getragen, und lebten drittens oft nach starken moralischen Überzeugungen. Alle drei Aspekte würden sich im vierten Punkt vereinen, wonach religiöse Individuen und Gemeinschaften in der Regel danach strebten, die soziale Welt, in der sie lebten, zu gestalten.

Weil religiöse Überzeugungen mit Lebensweisen, Modellen des Familien- und Generationenverständnisses, Rollen von Männern und Frauen und vielem mehr verbunden seien, spielten sie auch eine wichtige Rolle für die Gestaltung der Gesellschaft. Als Bischöfin komme ihr die Aufgabe zu, auch mit der innerkirchlichen Vielfalt umzugehen. Die dafür notwendige Sprachfähigkeit sei besonders wichtig, weil ein Bischof bzw. eine Bischöfin in der strikt demokratisch von unten nach oben aufgebauten Evangelischen Kirche kaum rechtliche Macht besitze. Wichtigstes Leitungsinstrument bleibe das Wort.

Als „hervorragend“ bezeichnete der römisch-katholische Militärbischof Werner Freistetter die Beziehungen zwischen Staat und Religionen in Österreich. Er hob die guten rechtlichen Grundlagen hervor, die es den Kirchen und Religionen ermöglichten, sich im Land zu entfalten und im Sinne des Gemeinwohls zu engagieren. Ein Aspekt dabei sei etwa der staatlich garantierte konfessionelle Religionsunterricht. Die geordneten rechtlichen Grundlagen seien auch die Basis für gute und vertrauensvolle Beziehungen unter den Religionen, so der Bischof.

Freistetter erinnerte an den Besuch von Papst Franziskus 2024 in Indonesien, wo er gemeinsam mit muslimischen Würdenträgern für gegenseitige Wertschätzung und den gemeinsamen Einsatz für Frieden und Menschenrechte warb. Die Bedeutung des interreligiösen Dialogs könne nicht hoch genug bewertet werden, zeigte sich Freistetter überzeugt. Wie sehr der Katholischen Kirche der interreligiöse Dialog ein Anliegen sei, zeige sich etwa in der Kommission für Weltreligionen der Bischofskonferenz sowie in zahlreichen bundesweiten und regionalen interreligiösen Initiativen und Gremien.

Passive Toleranz ist zu wenig

Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, betonte, dass religiöse Diversität kein Problem, sondern vielmehr eine Realität sei, mit der man entsprechend konstruktiv umgehen müsse. Dazu brauche es mehr als passive Toleranz. Als besondere interreligiöse Initiativen würdigte Vural u.a. die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Niederösterreich, den Campus der Religionen in Wien, den Wiener Religionsrat oder auch die Möglichkeiten der Militärseelsorge in Österreich. Zugleich räumte Vural ein, dass ihm populistische Strömungen oder auch antiislamische Rhetoriken große Sorgen bereiteten.

Warnung vor Realitätsverweigerung

Ein gelingender interreligiöser Dialog brauche zuallererst eine profunde Kenntnis der eigenen Religion, sagte Gerhard Weißgrab, Präsident der Buddhistischen Religionsgesellschaft in Österreich. Dazu komme die Bereitschaft, sich offen und profund mit der Religion des Dialogpartners auseinanderzusetzen und auch bestehen bleibende Unterschiede in Respekt anzuerkennen.

Weißgrab warnte weiters vor Tendenzen einer Realitätsverweigerung. Dies könne sich etwa in Form von Nationalismus oder auch eines unreflektierten Glaubens an grenzenloses Wirtschaftswachstum mit allen negativen Folgen zeigen. Diversität sei wichtig für eine gute gesellschaftliche Entwicklung, bekräftigte der Vertreter der Buddhisten.

Gegen Instrumentalisierung von Religion

Die Eröffnung der Tagung nahmen die Vize-Rektorin der Universität Wien, Prof. Manuela Baccarini, der Leiter der Abteilung für wissenschaftliche Zusammenarbeit und Dialog im Außenministerium, Alexander Wojda, und Botschafter Heru Hartanto Subolo vom indonesischen Außenministerium vor. Alle drei sprachen sich übereinstimmend gegen jede Form von Instrumentalisierung der Religionen aus. Der interkulturelle und interreligiöse Dialog sei so notwendig wie nie zuvor, bekräftigte Baccarini. Subolo hob für das gute Gedeihen einer religiös bunten Gesellschaft u.a. auch die Bedeutung der Bildung hervor. Und Wojda räumte ein, dass dem Thema Religion in der internationalen Politik bzw. der Diplomatie immer noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet werde.

Best-Practice-Modelle für religiöse Vielfalt

Die Konferenz widmete sich in verschiedenen Panels Best-Practice-Modellen für den Umgang mit religiöser Vielfalt in Österreich, Indonesien und im internationalen Bereich. Von internationaler Seite nahmen an der Konferenz u.a. eine hochrangige indonesische Delegation sowie Vertreter des Internationalen Dialogzentrums KAICIID teil.