Eigenhändig

Michael Chalupka über die immer mächtiger werdende KI

„Das habe ich mit eigener Hand geschrieben!“, betont der Apostel Paulus in seinem Brief an Philemon. Diese Zeilen, die Sie gerade lesen, habe ich mit eigener Hand geschrieben. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Wäre dieser Text in Sekundenschnelle durch Künstliche Intelligenz (KI) kreiert worden, der Leser könnte es wohl nicht unterscheiden. Denn die KI kennt alle Kolumnen, die ich je verfasst habe. Kennt meinen Stil, denkt meine Gedanken, und kann sie mit dem Wissen der Welt verknüpfen. Ihr Text würde klingen wie meiner, nur klüger.

Das wäre vernachlässigbar. Nun aber steht der Verdacht im Raum, dass das Unternehmen Open AI unveröffentlichte Überlegungen von Mathematikern dazu benutzt hat, um selbst bisher ungelöste mathematische Probleme zu lösen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Nach menschlichen Maßstäben wäre das wohl ein Plagiat. Das Posting von Open AI dazu klingt nicht beruhigend. Es sei zwar unwahrscheinlich, aber sie könnten nicht „ausschließen, dass anonymisierte Daten aus Nutzung (durch die Mathematiker) unserer Produkte half, unsere Modelle zu verbessern“.

Das heißt: Wer die Künstliche Intelligenz nutzt, füttert sie zugleich und macht sie mächtiger. Eine Firma bedient sich also des gesamten Wissens der Menschheit. Alle tragen bei, aber nur wenige verdienen daran. Uns bleibt nur eines. Weiter mit eigener Hand schreiben, wie Paulus es schon tat.