Diakoniedirektorin plädiert in „Presse“-Kommentar für einen Karfreitag als Feiertag für alle
Wien (epdÖ) „Den, der da am Kreuz hängt, bekennen Christen und Christinnen als Mensch gewordenen Gott. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden. Ganz und gar. Das sagt etwas über Gott, über seine Empathie und Liebe zu den Menschen“, schreibt die Direktorin der Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, in einem Kommentar der Tageszeitung „Die Presse“ zum Karfreitag (3. April). Im Kreuz „konzentriert sich ein Stück Realität unserer Welt“, hält Moser fest, denn „zum Menschensein gehören Verletzlichkeit und Leiden, Ohnmacht und Endlichkeit, Sterben und Tod – gewaltsam verursacht durch andere Menschen oder auch als Teil der conditio humana“.
Kritik an Kreuz als Marker für Abgrenzung
Kritisch weist Moser darauf hin, dass das Kreuz „auf die Brust tätowiert, auf Wahlkampfbühnen geschwungen oder in Parlamentsclubs aufgehängt“ in der Politik zum „martialischen oder folkloristischen Marker“ für nationale Identität und zum Medium von Abgrenzung geworden sei. Mit dem christlichen Nationalismus, der sich von den USA über Ungarn, Serbien, Rumänien bis nach Russland zeige, oft in enger Verbindung mit evangelikalen, orthodoxen und katholischen Christen und Christinnen, habe diese Entwicklung neue Fahrt aufgenommen. Wenn hier das Christentum „in die politische Identität“ eingebaut werde, verändere sich dadurch auch das Christentum selbst: „Die biblische Botschaft und mit ihr die christlichen Werte werden, distanziert-beobachtend formuliert, umformatiert“, warnt Moser.
Wofür steht das Kreuz?
Mit dem Kreuz habe das Christentum ein Instrument der politisch verordneten Demütigung und Hinrichtung ins Zentrum seiner Symbolwelt gestellt. „Die Frage nach dem Zueinander von politischer und theologischer Bedeutung ist dem Kreuz quasi eingeschrieben“, erklärt die Diakoniedirektorin und fragt: Wofür soll das Kreuz stehen? „Für Solidarität und Mit-Leidenschaft mit denen, die Leiden und Ohnmacht erfahren, und für die Kritik an Ungerechtigkeit, die Leiden verursacht – sei es durch Gewaltausübung und Demütigung, sei es durch mangelnde Sorge und Verunglimpfung derer, die sich nicht selber helfen können? Oder für die Zugehörigkeit zu einem Wir, das sich radikal von den anderen abgrenzt, Interessen der eigenen Gruppe über das Gemeinwohl stellt und sich an das Gewinner-Prinzip hält – wobei gewinnen heißt, andere müssen verlieren, Chancen, Menschenrechte und auch ihr Leben? Für Gottes Liebe für alle Menschen oder für die Auserwählung der eigenen Nation?“
Frage nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens
Das sei nicht nur ein politische Frage, sondern vor allem eine Frage nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens, die aktuell zu Disposition stehen. „Kirchen wie einzelne Christen und Christinnen sind gefordert, Irrwege klar zu benennen und zur Umkehr aufzurufen“, unterstreicht Moser. Der Blick auf das Kreuz erinnere daran, Not wahrzunehmen. „Sich ins Bewusstsein zu rufen, dass Leid, Ohnmacht und Endlichkeit zu unserer menschlichen Realität gehören, braucht Raum. Ungerechtigkeit zu erkennen, braucht Raum. Der Karfreitag bietet diesen Raum“, ist Moser überzeugt und plädiert daher für einen Karfreitag als Feiertag für alle: „Denn Ungerechtigkeit und Not gehen alle an. Alle sollen hinschauen und zum Wohle von Menschen, die Unrecht und Leid erfahren, handeln. Alle.“