Schnürsenkel

Michael Chalupka schildert, wie eine Alltagshandlung das Alter ehren kann

Würstelfinger und Schuhbänder sind natürliche Feinde. Ich hatte mit beiden zu kämpfen. Sie wollten nicht zueinander finden. Lieber habe ich meine Beine von mir gestreckt und ließ meine Mutter machen, vor allem wenn sie es eilig hatte. Als berufstätige Mutter hatte sie es immer eilig in der Früh. Also streckte ich die Beine von mir und sie band mir die Schuhe zu, das ging schneller und ohne Gequengel. Gelernt habe ich es dann im Kindergarten. Mühsam aber doch. Auch Würstelfinger können Schleifen binden.

Heute gibt es Schuhe, in die schlüpft man, ohne sich bücken zu müssen, und sie sehen trotzdem aus wie Schnürschuhe. Heutzutage sind sogar Schnürsenkel fake. Solche Bequemlichkeit beraubt uns nicht nur des täglichen Gelenkigkeitstrainings von Händen und Knien, sondern auch der Möglichkeit einander zu helfen, wenn es noch nicht so klappt mit dem Schuhe Binden, oder wenn es nicht mehr so gut klappt nach einem Unfall, oder im Alter.

„Das hättest du dir nicht gedacht, dass du mir einmal die Schuhe zubinden musst!“, hat mir meine hochbetagte Mutter nach einem kleinen Unfall unlängst gesagt. Da hat sie recht, daran denken wir nicht, wenn wir als Kinder die Beine von uns strecken, aber wissen können wir es. Steht doch schon in der Bibel: „Vor grauem Haar sollst du aufstehen und die Person des Alten ehren.“ Und das heißt nicht nur aufstehen in Dankbarkeit, sondern auch das Knie zu beugen, wenn es nötig ist.