Michael Chalupka zum Sonntag „Kantate“
Mein Vater hatte eine Stimme zum Verlieben. Es geschah am 25. Mai vor 80 Jahren im Grazer Kammermusiksaal. Meine Mutter, damals ein junges Mädchen, saß im Publikum und er sang sich in ihr Herz. Als er die Arie Cavaradossis „Und es leuchteten die Sterne“ aus Giacomo Puccinis Oper Tosca anstimmte, war es um sie geschehen. Seine Karriere als Tenor war kurz, aber ihre Liebe ein Leben lang.
Am Sonntag, 3. Mai, wird gesungen. Zumindest in den Kirchen. Der Sonntag heißt in den evangelischen Kirchen „Kantate“ und hat das Motto „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“. Wer singt, verändert seine Welt – und sich selbst. Es ist heute längst keine bloße Vermutung mehr, sondern wissenschaftliche Gewissheit: Singen ist eine Wohltat für Körper und Geist. Wenn wir die Stimme erheben, vertieft sich unser Atem, das Herz findet einen ruhigeren Takt und Stresshormone weichen einer inneren Gelöstheit. Die Seele atmet durch.
Aber aller Erkenntnis zum Trotz: Es wird zu wenig gesungen. Zu viele meinen, sie könnten es nicht. „Das möchtest du nicht hören!“, sagen mir viele, wenn ich sie zum Singen einlade. Doch Singen verbindet. In einem Chor oder im kräftigen Gesang in der Kirche erleben wir, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Die eigene Stimme trägt und wird getragen. Erheben Sie ihre Stimme. Der Sonntag Kantate lädt dazu ein. Zur höheren Ehre Gottes, der Wunder tut. Das Wunder der Liebe eingeschlossen.