Jungwirth: Karfreitag als Ausdruck einer universalen Botschaft
Wien (epdÖ) Mit der sich verändernden Rolle religiös geprägter Feiertage in Österreich befasste sich eine interdisziplinäre Tagung am Freitag, 24. April, in Wien. Expertinnen und Experten spürten der Frage nach, wie diese Feiertage zur Identitätsbildung beigetragen haben und wie sie heute im Spannungsfeld von Pluralisierung, Gleichbehandlung und staatlicher Neutralität stehen.
Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften brachten dabei ihre Perspektive ein.
Auf das vielschichtige politische Symbol des Karfreitags ging der evangelische Kirchenhistoriker Leonhard Jungwirth ein. „Der Karfreitag war in Österreich nie nur private Angelegenheit des Glaubens. Seine Stellung war stets das Ergebnis politischer Aushandlungsprozesse“, so der theologische Leiter im ASH-Forum der Zivilgesellschaft. Die Geschichte des Karfreitags als Feiertag sei immer eng mit jener des 8. Dezembers, des katholischen Feiertags Maria Empfängnis, verbunden gewesen, der ja als Marienfeiertag stark mit dem Geschehnissen der Gegenreformation zusammenhänge. Der politische Durchbruch 1955, als beide gesetzliche Feiertage wurden, habe die Voraussetzungen für „healing of memories“ geschaffen, nicht nur im Verhältnis zwischen römisch-katholischer und evangelischer Kirche, sondern auch zwischen christlich-sozialem und sozialdemokratischen Lager, so Jungwirth, dessen Forschungsschwerpunkte in der Kirchlichen Zeitgeschichte liegen.
Karfreitag als “Angebot an die gesamte Gesellschaft”

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Leonhard Jungwirth: Neue Akzentuierung des Karfreitags. (Foto: epd/T. Dasek)
Mit der Abschaffung des Karfreitags als Feiertag sei 2019 eine „Privatisierung des Religiösen“ erfolgt, sagte der Kirchenhistoriker, „der Karfreitag wurde zu einem Symbol für den auch politisch vorangetriebenen Rückzug religiöser Praxis aus dem öffentlichen Raum“. Seitens der Evangelischen Kirche sei erneut die eigene Geschichte zur Legitimation ins Feld geführt worden, gleichzeitig wurde die Bedeutung des Karfreitags ebenso wie das öffentliche und immer wieder auch politisch instrumentalisierte Symbol des Kreuzes mit einer „Solidaritätsverpflichtung für alle Leidenden, für Bedürftige und Schwache“ verknüpft. Gerade angesichts der neuerlichen geschichtspolitischen Aufladung des Karfreitags als Erinnerungs- und Identitätsort zeige diese Akzentuierung „eine neue Qualität“, wenn nun auch eine „politisch- und existential-theologische Tiefendimension“ in den Vordergrund rücke. Im heutigen Diskurs erscheine der Karfreitag nicht mehr ausschließlich als Symbol konfessioneller Identität oder Marker historischer Ungleichheit, sondern als Ausdruck einer „universalen Botschaft“, die über konfessionelle Grenzen hinausweise. So werde der Karfreitag zum „Angebot an die gesamte Gesellschaft“, „ein Feiertag nicht nur für eine Minderheit, sondern – im Sinne seiner theologischen Grundlegung – ein stiller Feiertag für alle“.
Bedeutung über das Religiöse hinaus
Feiertage seien „Ausdruck von kultureller und religiöser Identität“, unterstrich die römisch-katholische Soziologin und Theologin Katharina Renner. Die Bedeutung der Feiertage habe sich auch in der katholischen Kirche gewandelt, „für mich persönlich hat ein religiöser Feiertag keine größere Bedeutung als der Sonntag“, sagte Renner. Feiertage hätten jedoch eine Bedeutung „über das Religiöse hinaus“, ist Renner überzeugt. „Wir brauchen diese Anlässe, wir müssen sie uns bewahren, weil diese Feiertage Gemeinschaft erlebbar machen und auch zivilgesellschaftliches Engagement ermöglichen“, so die Vizepräsidentin der Katholischen Aktion.
Kritik an “Ermessungspraxis” für Freistellungen
Sowohl der jüdische als auch der muslimische Diskussionsteilnehmer kritisierten die Ermessungspraxis rund um die „Bittstellung“, wenn es am Arbeitsplatz oder in der Schule um Freistellungen für die Teilnahme an religiösen Feiertagen gehe. „Wichtig wäre für uns ein verbrieftes Anrecht auf die Einhaltung der Regeln der Feiertage mit Arbeitsverbot“, sagte Willy Weisz von der Israelitischen Kultusgemeinde. Der Jurist und Politikwissenschaftler Michael Kramer, der vor 20 Jahren zum Islam konvertierte, merkte kritisch an, dass im christlich geprägten Feiertagskalender islamische Feiertage nicht berücksichtigt würden. Generell sei im Islam das Zeitfenster für das Freitagsgebet wichtig, dieser Tag gelte jedoch nicht als Ruhetag.
Willy Weisz, der auch Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist, erklärte, dass im Judentum der Sabbat, der schon am Vorabend beginne, „wichtigster und heiligster“ Feiertag sei. Generell nehmen die Feiertage mit Arbeitsverbot im Judentum einen besonderen Platz ein, das damit einhergehende Ruhegebot, das für alle Teile der Gesellschaft gilt, sei „göttlich eingesetztes Menschenrecht“, betonte Weisz.
In den Freikirchen in Österreich spielen religiös geprägte Feiertage nur eine untergeordnete Rolle, führte Frank Hinkelmann aus. Die ursprünglich stark antikatholisch geprägte Grundhaltung habe sich auch auf den Umgang mit Feiertagen ausgewirkt. In den letzten Jahren sei aber zu beobachten, dass auch in freikirchlichen Gemeinden etwa Gottesdienste oder Andachten zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder Christi Himmelfahrt stattfinden.
Der orthodoxe Religionslehrer Nebojsa Djurkic hob den liturgischen Aspekt orthodoxer Feiertage hervor. Feiertage, so Djurkic, ermöglichten die Teilnahme an Ereignissen, „die wesentliche Grundlagen des christlichen Glaubens“ sind.
„Weniger Bevorzugungen, weniger Benachteiligungen“ wünscht sich Wilfried Apfalter von der Atheistischen Religionsgesellschaft beim Umgang mit religiösen Feiertagen. Er ortet „angesichts der Weltlage“ generell drängendere Probleme.
Organisiert wurde die Tagung von einem Team rund um die Kirchenhistoriker Astrid Schweighofer und Leonhard Jungwirth sowie die Religionswissenschaftler Robert Wurzrainer und Dirk Schuster. Die Tagung bot Beiträge aus den Bereichen Geschichte, Recht, Religionswissenschaft, Politikwissenschaft und Medienanalyse. Zu den Referentinnen und Referenten gehörten unter anderem die Zeithistorikerin Lucile Dreidemy, der Religionsrechtler Stefan Schima, die Religionswissenschaftlerin Astrid Mattes-Zippenfenig und die ORF-Journalistin Kerstin Tretina.