Ökumenisches Gedenken für Sinti, Roma und Jenische im Stephansdom

Oberkirchenrätin Bachler: Jesu Seligpreisungen gelten für Ausgegrenzte

Wien (epdÖ) – Unter dem Motto „Erinnern, Würde bewahren, Gemeinsam Zukunft gestalten“ stand am Sonntag, 2. August, dem Holocaust-Gedenktag für Sinti, Roma und Jenische, ein ökumenischer Gedenkgottesdienst im Wiener Stephansdom. Liturgisch gestalteten den Gottesdienst der Wiener römisch-katholische Weihbischof Franz Scharl, die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, Pastor Karl Schmidt von der Freien Christen Gemeinde Jeschua sowie der orthodoxe Erzpriester Slavisa Bozic.

In seinen Seligpreisungen schaue Jesus auf „Menschen, die trauern, die ausgegrenzt werden, die nach Gerechtigkeit hungern“, sagte Bachler. Deshalb passten diese in der Bergpredigt formulierten Zusprüche in besonderer Weise zum Holocaust-Gedenktag für Sinti, Roma und Jenische. In ihrer Predigt erinnerte die Oberkirchenrätin an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Tausende Angehörige dieser Volksgruppen ermordet wurden.

Jesus beginne seine Bergpredigt mit den Trauernden, unterstrich Bachler: „Vielleicht deshalb, weil Trauer ein Zeichen der Liebe ist. Wer trauert, sagt: Dieser Mensch war nicht gleichgültig. Er war einzigartig. Er hatte eine unantastbare Würde.“ Der Ökumenische Gedenkgottesdienst erinnere an Unrecht und gebe den Opfern ihre Würde zurück. Erinnerung sei „ein Akt der Gerechtigkeit“, betonte die Oberkirchenrätin.

Die Erinnerung setzte sich nach der Beendigung des Nazi-Terrors jedoch nicht automatisch durch, bedauerte Bachler und erinnerte an den Holocaust-Überlebenden und Sinto Otto Rosenberg, der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager auf einen Neuanfang gehofft habe. Doch sei er erneut mit Vorurteilen und Ablehnung konfrontiert worden. „Er erzählte, dass der Krieg zwar vorbei gewesen sei, das Misstrauen gegenüber Sinti und Roma und Jenischen aber nicht“, sagte Bachler und hielt fest: Unrecht ende nicht automatisch mit einem Friedensschluss. „Es endet erst dort, wo Menschen bereit sind, ihre Herzen zu öffnen“, so Bachler.

„Möge die Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma und die Jenischen unser Herz wach halten für jede Form von Menschenfeindlichkeit. Möge sie uns den Mut schenken, Brücken zu bauen, statt Mauern zu errichten“, fügte die Oberkirchenrätin ihrer Predigt hinzu. Frieden entstehe, so Bachler, nicht allein durch das Ende von Gewalt: „Frieden wächst dort, wo Menschen einander zuhören, wo sie die Geschichte des anderen ernst nehmen und wo sie sich gegen Ausgrenzung stellen.“

Für die musikalische Gestaltung sorgten Tini Kainrath mit der Sinti-Band sowie Martin Horvath und die Leon-Berger-Band u.a. mit der Roma-Hymne „Gelem Gelem“. Die Fürbitten wurden in Deutsch, Romanes, Sinti-Dikes und Jenisch gesprochen. Am Ende des Gottesdienstes mit Teilnehmenden aus Kirchen und Politik verlas Meinhard Rauchensteiner, Leiter der Abteilung für Wissenschaft, Kunst und Kultur in der österreichischen Präsidentschaftskanzlei, ein Grußwort von Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

Hintergrund des ökumenischen Gottesdienstes war die Erinnerung an das Massaker in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau das sogenannte „Zigeunerfamilienlager“ aufgelöst und rund 4.300 Roma und Sinti ermordet wurden. 2015 erkannte das Europäische Parlament den Tag als Gedenktag für den Völkermord an Roma und Sinti während des Zweiten Weltkriegs an. In Österreich beschloss der Nationalrat im Jänner 2023 einstimmig, den 2. August als nationalen Gedenktag für die im Holocaust verfolgten und ermordeten Roma und Romnja sowie Sinti und Sintizze einzurichten.

Der Gottesdienst war Teil mehrerer Gedenkveranstaltungen rund um den 2. August. Bereits am 31. Juli hatten eine Kranzniederlegung des Parlaments beim Äußeren Burgtor sowie eine Gedenkfeier am Roma- und Sinti-Friedhof in Lackenbach stattgefunden. Den kirchlichen Abschluss bildet am 9. August die 30. internationale Roma-Wallfahrt nach Mariazell.